Das Jahr 2020 - was wir bewegen wollen

Im 126. Jahr unseres Bestehens haben wir vor, die Entwicklung aus den letzten 30 Jahren des Unternehmens neu bewusst zu machen und strukturelle Konsequenzen daraus abzuleiten. Denn inzwischen sind gut 40 Prozent der Diakonie Herzogsägmühle nicht mehr hier im Ort, sondern in den acht Landkreisen um uns herum anzutreffen.

Die Entwicklung hin zu einem dezentral verantworteten Unternehmen ist seit den späten 1980er Jahren verstärkt im Gang. Es geht um Wohngemeinschaften und Wohngruppen, Beratungsstellen, Tagesstätten für psychisch Kranke, Arbeitsangebote wie Sozialkaufhäuser oder Werkstätten für Menschen mit Behinderung, um Reha-Zentren oder um Angebote für ehemals Wohnungslose. Dabei dehnen wir unsere Aktivitäten nicht beliebig aus, sondern begrenzen uns bewusst auf die Region, die durch das Einzugsgebiet der Sonderberufsschule zur individuellen Lernförderung definiert ist. Dabei sind aber inzwischen in einzelnen Sozialräumen, besonders in Weilheim und Landsberg am Lech, viele Mitarbeitende verschiedener Fachbereiche tätig.

Damit kommt nunmehr auch die Frage auf, ob es nicht gut wäre, sich in den Regionen untereinander mehr abzustimmen, gegenüber der Kommunalpolitik und gegenüber den Kirchengemeinden "mit einer Stimme" zu sprechen und dadurch stärker als "Diakonie vor Ort" wahrgenommen zu werden. Entsprechend kommt auch der intensiveren Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk Oberland im Dekanat Weilheim verstärkte Bedeutung zu.

Uns beschäftigt in diesem Zusammenhang auch die Frage, welche strukturell-organisatorischen Konsequenzen aus der verstärkten Berücksichtigung von Dezentralität zu ziehen sind. Braucht es in den Sozialräumen Regionalbüros, Regionalleitungen – oder wäre das für das Heben von Synergieeffekten sogar kontraproduktiv?

Schließlich geht mit dieser Entwicklung auch eine Selbstvergewisserung über die "Herzogsägmühler Identität" einher. Ist für die Mitarbeiter*innen in einer Garmischer Beratungsstelle der Sozialpsychiatrie ein gleicher oder zumindest ähnlicher "spirit" handlungsleitend wie für Kolleg*innen in Landsberg oder Herzogsägmühle?

Solange das Unternehmen "nur" im Campus Herzogsägmühle angesiedelt war, konnten wir uns über die gemeinsame Identität schnell verständigen – der Slogan "Ort zum Leben" drückte das ja auch aus. Was aber ist nun für Mitarbeitende in Weilheim der "Ort zum Leben" – und wie fühlt es sich für diese an, wenn wir von Herzogsägmühle sprechen?

Gleichzeitig wollen wir die Dorfentwicklung hin zu einem immer "normaleren", barrierefreien Ort mit hoher Lebensqualität nicht aus den Augen verlieren. Ein neu begonnenes Projekt "Diakonie Herzogsägmühle 2025" befasst sich mit den Fragen, wie Dorfentwicklung unter Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger gelingen kann – einschließlich der damit beispielsweise verbundenen Fragen der Mobilität vor Ort, der Anbindung an den ÖPNV - , wie Barrierefreiheit konsequent umgesetzt werden kann (dabei geht es zum Beispiel auch um Broschüren in Leichter Sprache) und wie die Entwicklung inklusiver Quartiere auch in den Sozialräumen um Herzogsägmühle herum gelingen kann.

Das Projektteam hat im Januar 2020 gestartet, es ist auf eine Laufzeit von drei Jahren projektiert. In diese Projektzeit hinein sollte die Umsetzung des von der Gemeinde Peiting getragenen großen Bauvorhabens erfolgen: Am nördlichen Ortsrand von Herzogsägmühle sollen 60 Wohneinheiten mit sozialem Wohnungsbau realisiert werden. In diesem neuen Quartier können auch Appartements für Menschen mit Behinderungen integriert werden. Wir sind sehr gespannt, ob dieser kommunale Wohnungsbau zeitnah realisiert werden kann und wie die Zunahme von Menschen ohne unmittelbaren Hilfebedarf sich auf den Ort Herzogsägmühle auswirken wird.

Mit dem Ruhestand des langjährigen Vorstandsmitglieds Dr. Günther Bauer im Februar 2020 wird für die Innere Mission München insgesamt, und für den Geschäftsbereich München in besonderern Weise, eine Zäsur erfolgen. Der Nachfolger, Diakoniepfarrer Thorsten Nolting, ist von den Aufsichtsgremien der Inneren Mission zum Ende des Jahres 2019 gewählt worden und wird seinen Dienst im Juni 2020 antreten. Damit werden viele Abstimmungsprozesse innerhalb des Vorstands neu zu diskutieren sein – einschließlich der Frage, welche Geschäftsprozesse für beide Geschäftsbereiche (München und Herzogsägmühle) in gleicher Weise, nach gleichen Standards zu gestalten sein werden. Insbesondere dem Personalmanagement, mit Personalgewinnung und -bindung sowie der Führungskräfteentwicklung kommt dabei entscheidende Bedeutung zu. Zum Beispiel können Konzept, Inhalt und Gestaltung der Willkommenstage für neue Mitarbeitende geschäftsbereichsübergreifend gestaltet werden.

Insgesamt wird der Fachkräftemangel auch die Soziale Arbeit in den nächsten 20 Jahren beschäftigen. Der Wettbewerb um die Schülerinnen und Schüler hat bereits begonnen, die Attraktivität sozialer Berufe gerät mehr und mehr in den Fokus. Wie es der Inneren Mission München in Gänze gelingen kann, für junge Menschen ein attraktiver Arbeitgeber zu sein und die älter werdende Belegschaft gut im Unternehmen halten zu können, das sind für uns wichtige Fragen der Zukunft. Wir freuen uns, dass unser Vorstand kompetent und menschlich angenehm wiederbesetzt werden kann und freuen uns auf die Zusammenarbeit.

Mit dem bevorstehenden Nutzungsende des Schöneckerhauses als Pflegeeinrichtung (ab Ende 2023 für Pflege nicht mehr genehmigungsfähig) ist der Zeitplan für die Realisierung der "Pflege der Zukunft" gesetzt: Bis zum Sommer 2020 müssen vier Arbeitsgruppen zum Konzept, zur Größe und zum Standort eines möglichen Neubaus, zu Kooperationsformen und Organisationsstrukturen und zu Fragen der Personalakquise belastbare Ergebnisse erarbeitet haben, die für die Leitungsverantwortlichen dann Grundlage weitreichender Entscheidungen werden. Sollte (was nicht unwahrscheinlich ist) ein Neubau in Herzogsägmühle in Betracht kommen, müssen wir aufgrund der erheblichen investiven Erfordernisse auch die wirtschaftlichen Konsequenzen gut bedenken. Möglicherweise kann auch die Tochterfirma der Inneren Mission München, die Hilfe im Alter gGmbH, mit ihrem Know-how eine wichtige Hilfestellung für unsere Aufgaben liefern.

Der weitere Ausbau des Krisendienstes Psychiatrie wird uns auch in 2020 beschäftigen. Die dafür tätige Tochtergesellschaft GKP (Gesellschaft zur Förderung des Krisendienstes für psychisch Kranke) beschäftigt über 300 Mitarbeitende (ganz überwiegend mit geringfügigem Stundenumfang), die den Ausrückdienst abends, am Wochenende und an Feiertagen nach Eingang eines Notrufs in der Leitstelle sicherstellen. Innerhalb von einer Stunde sollen zwei geschulte Fachkräfte jeden Ort Oberbayerns erreichen können. Der Dienst soll nunmehr auf eine Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft ausgeweitet werden.

Mit diesem Ausblick wird deutlich: Die Aufgaben werden nicht weniger – aber dank unserer engagierten Mitarbeitenden und dank Ihrer Unterstützung, Ihrer Fürbitte und Ihres ehrenamtlichen Engagements sowie dank der Stabilität unseres Sozialstaates ist uns vor der Zukunft nicht bange.

Auf ein gelingendes, gesegnetes 2020!

Wilfried Knorr