Das Jahr 2019 - was wir bewegt haben

Wir blicken auf ein erfülltes, wunderbar gelungenes Jubiläumsjahr zurück. Anlässlich unseres 125jährigen Bestehens veranstalteten wir ein "Flash-Mob-Dinner anno 1894" auf dem Schongauer Marienplatz, das auch zufällig vorbeikommende russische Touristen ermunterte, uns zuzuprosten.

Bei einem sozialpolitischen Streitgespräch mit dem Imam der Penzberger Moschee, Benjamin Idriz, mit dem Ratsvorsitzenden der EKD Heinrich Bedford-Strohm, mit Günther Beckstein, Claudia Stamm und Christian Ude moderierte Heribert Prantl die Debatte zu vier wichtigen Zukunftsthemen (Wohnen, Migration, Pflege und Demokratie/Populismus). In seiner wöchentlichen online-Kolumne "Prantls Blick" empfahl er sonntags darauf unsere Festschrift zum Jubiläum als besonders lesenswert – mit dem Ergebnis, dass wir am nächsten Morgen 100 Bestellungen im Postfach vorfanden. (Falls Sie noch keine Festschrift haben: Mail genügt, und wir schicken Ihnen das wunderbar gelungene Buch gern noch zu!)

Wir pflanzten 125 Bäume, sehr zur Freude der Kommunalpolitiker aus den Orten der Umgebung, in denen wir mit unseren Dienststellen gute Nachbarschaft erleben dürfen. Wir spendeten Osterkerzen an die Kirchengemeinden unserer Region, wir erfreuten uns an kulturellen Höhepunkten (u.a. Mathias Richling, Masha Dimitrieva, Simon Pearce, die Münchner Philharmoniker …) und vielen sportlichen Wettkämpfen. Mit dem großen Weihnachtsmarkt einschließlich einem Konzert der Klezmer-Gruppe "Play’in Tachles" haben wir das Festjahr abgeschlossen.

Leider ereilte uns auch ein Unglück: Unsere Licht- und Wachsmanufaktur wurde im Frühjahr ein Raub der Flammen. Aufgrund eines technischen Defekts war ein Wachskessel Auslöser des Großbrands, der durch das beherzte Eingreifen unserer Werkfeuerwehr gottlob so begrenzt werden konnte, dass weder Nachbargebäude noch Menschen zu Schaden kamen. Derzeit laufen die Sanierungsarbeiten in dem zerstörten Stockwerk.

Unsere neue Mechanische Werkstatt konnten wir im April im Peitinger Industriegebiet eröffnen; damit befindet sich zum ersten Mal ein Ausbildungsbetrieb nicht mehr auf dem Gelände des Ortsteils Herzogsägmühle. Noch mitten in der Bauphase ist unsere neue Gemeinschaftsküche, die zeitlich planmäßig im Sommer 2020 fertig gestellt sein wird und dann als Teil der Herzogsägmühler Werkstätten mehr als 900 Essensportionen täglich herstellen wird.

Noch im November konnten wir ebenfalls den Neubau des Förderzentrums einleiten: Mit dem Spatenstich begann die Realisierung eines Hauses für 24 Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung, die aus dem seitherigen Förderzentrum umziehen werden. Ein weiterer Bau für diese Zielgruppe ist in Weilheim in Planung. Weiter vorangeschritten sind zudem die Planungen für kommunalen Wohnbau der Marktgemeinde Peiting an unserem nördlichen Ortsrand (siehe Kapitel "Was wir 2020 bewegen wollen"). Abgeschlossen wurde die Sanierung des früheren Jugendhilfe-Heims an der Ringstraße. Das Gebäude aus den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde komplett ertüchtigt für die Nutzung durch Büros der Kinderhilfe Oberland und der Jugendhilfe.

Ebenfalls fertig gestellt wurde das Brotbackhaus auf dem Dorfplatz; es dient nunmehr als regelmäßiger Treffpunkt der Bürgerschaft von Herzogsägmühle, als Stüberl für Hilfeberechtigte und als Gelegenheit, mit mitgebrachtem Teig im Kreis der Backbegeisterten Fladenbrot, Zwiebelkuchen, Flammkuchen oder gutes Mischbrot zu backen. Das Gebäude ist auch ein Ergebnis der Aktivitäten des Vereins für Dorfentwicklung, der auch 2019 in verschiedenen Arbeitskreisen die Entwicklung im Ort Herzogsägmühle mitgestaltete.

Am Buß- und Bettag konnten wir das neu gestaltete Denkmal am "Ort der Erinnerung" einweihen. Die historische Forschung, vor allem zu verdanken Frau Professorin Annette Eberle, konnte jetzt 430 Menschen namentlich identifizieren, die in der Zeit des Nationalsozialismus in unserem Ort oder durch Deportationen und Hinrichtungen zu Tode gekommen sind. Mit dem Gedenkort, direkt beim Hineinfahren nach Herzogsägmühle zu sehen, haben wir einen würdigen Rahmen geschaffen, der uns zugleich Mahnung für die Achtung der Menschenwürde sein wird – auch für den Umgang mit Hilfeberechtigten heute.

Den gesetzlichen Vorgaben aus dem Bundesteilhabegesetz haben wir auch strukturell Rechnung getragen: Wie geplant erfolgte im Oktober die Ausgliederung des Geschäftsbereichs Herzogsägmühle in die neu gegründete "Diakonie Herzogsägmühle gGmbH". Damit konnte der Besitz und der Betrieb der Immobilien getrennt werden; es entstanden 291 Mietverträge zwischen der Inneren Mission München und der neu gegründeten gGmbH sowie fast 300 Wohnverträge mit Hilfeberechtigten aus der Eingliederungshilfe. Der enorme bürokratische Aufwand war belastend, aber der dahinterliegende Gedanke der rechtlichen Aufwertung von Menschen mit Behinderung und die Idee der personenzentrierten Hilfe wird von uns sehr gestützt.

Im letzten Bericht blickte ich auf unsere Bemühungen, die Innovationskraft durch die Einrichtung eines "innovations-screening-Teams" zu stärken. Tatsächlich gingen im zweiten Halbjahr 2019 mehr als 50 Verbesserungsvorschläge und Hinweise auf innovative Entwicklungen oder Erfindungen ein. Das ist beeindruckend! Das erste greifbare Ergebnis wird die Beschaffung von elektrischen Lastenfahrrädern für die Betriebe in Herzogsägmühle sein, damit die Mitarbeitenden umweltfreundlich und gesundheitsfördernd ihre Arbeit im Ort erledigen können. Weitere Vorschläge befassen sich mit der Einführung digitaler Hilfsmittel auch bei Fortbildungsmodulen, dem verstärkten "Büro-sharing" oder alternativer Methoden für die Räumung von Gehwegen (Streusalz und Rollsplit sind unangenehm für Rollstuhlfahrer, mit flüssiger Sole machen wir sehr gute Erfahrungen).

Abgeschlossen wurde in 2019 auch die Arbeit am zweiten Gemeinwohlbericht, der Zeugnis über das ethisch verantwortete Wirtschaften ablegt. Der Bericht wurde planmäßig bei dem dafür zuständigen Verein in Wien zur Zertifizierung angemeldet; diese erwarten wir im Frühjahr 2020. Die dem Bericht zugrundeliegende Bewertungssystematik erweist sich immer mehr als sinnvoller Bezugsrahmen, innerhalb dessen wir die Schritte hin zu "ökologischer Nachhaltigkeit", "Solidarität und sozialer Gerechtigkeit", "Transparenz und Mitentscheidung" sowie zur "Achtung der Menschenwürde" gehen und vergleichbar machen können. Die Diakonie Herzogsägmühle ist damit Teil der international wachsenden Bewegung, die das Wirtschaften neu buchstabiert, hin zu einem dem Gemeinwohl dienenden System.

Wilfried Knorr