Jahresmotto 2019:

HerzZeiten

Liebe Freundinnen und Freunde von Herzogsägmühle,

wenn man ein Jubiläum vor der Brust hat – bei uns der 125. Geburtstag der "Arbeiterkolonie für obdachlose Männer" –  kommt unweigerlich die Überlegung auf, in welchem Geist, mit welcher Haltung diese Feierlichkeit begangen werden soll. Wir haben uns dabei zunächst überlegt, welche Ausstrahlung wir NICHT wollen:

Keine Selbstbeweihräucherung à la "Seht mal her, wie toll wir seit 125 Jahren sind!" – denn "wir" (also die Menschen, die seit 1894 Verantwortung in und für Herzogsägmühle getragen haben) waren nicht immer toll.

Keine Geschichtsklitterei à la "gut – da mag es ja mal ein paar schlechte Jahre gegeben haben, aber im Vergleich zu unserer langen langen Vergangenheit fällt die Zeit des Dritten Reiches nun wirklich nicht ins Gewicht…" – denn in der Rückschau erkennen wir, dass es über alle Zeiten hinweg Fehlentwicklungen und Entgleisungen gab, vor allem in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg mit Misshandlungen und Übergriffen in der Jugendhilfe.

Keine Selbstverkleinerung à la "eigentlich gibt´s gar nichts zu feiern, ist ja alles nur Ausdruck des Sozialstaates und seiner Gesetzgebungen oder mehr oder weniger Zufall" – denn das würde großartigen Ergebnissen diakonischer Arbeit, den Lebensleistungen von vielen Mitarbeitenden und ungezählten Lebenswendungen zum Guten für Menschen, die auf unsere Begleitung und Unterstützung angewiesen waren, nicht im Mindesten gerecht.

Vielmehr wollen wir alle Veranstaltungen 2019, zu denen ich Sie herzlich einlade, als lernende Organisation begehen – mit dem Blick auf unsere Geschichte für die Zukunft lernen. Das Jahresmotto verknüpft den ersten Teil unseres Ortsnamens mit den Zeitläuften. "HerzZeiten" soll auch auf das Herzstück sozialer Arbeit verweisen: auf die Leidenschaft für Menschlichkeit, die aus einem mitfühlendem Herzen und einem mitdenkenden Kopf wachsen kann und soll.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Advent und uns viele Begegnungen im Jubiläumsjahr.

Ihr W.Knorr