Adventsbrief 2019

Ich glaube,

Hilf meinem Unglauben!

 

Markus 9,24

Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Herzogsägmühlerinnen und Herzogsägmühler!

Selten steckt in zwei Halbsätzen solch eine Widersprüchlichkeit. Eigentlich geht das nämlich gar nicht. Wenn ich sage: Ich glaube! – dann brauche ich keine Hilfe wegen meines Unglaubens. Wenn ich ungläubig bin, werde ich nicht sagen: ich glaube! Wenn ich ungläubig bin, glaube ich nicht, dass mir geholfen werden kann. Wenn ich glaube, dass meinem Unglauben geholfen werden kann – dann glaube ich ja bereits.

Und doch scheint diese Jahreslosung unsere aktuelle religiös-spirituelle Befindlichkeit sehr genau zu treffen. Denn die wenigsten von uns sind so im Gottvertrauen verwurzelt, dass sie keinerlei Unglauben in sich spüren. Und auf der anderen Seite: Viele Menschen wollen nicht Atheisten sein, nur auf das Sichtbare bezogen sein, keinerlei Glauben haben. In der Dialektik Glaube-Unglaube zeigt sich das ganze Spannungsfeld des modernen, aufgeklärten, vernunftbegabten und selbstbestimmten Menschen, der dennoch existentielle Fragen (Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Warum ist das Leid in der Welt?...) nicht ohne Bezug auf etwas Anderes als das Anfassbare und Sichtbare beantworten kann und will.

Im Markus-Evangelium ruft diese Halbsätze der Vater des mondsüchtigen (wir würden heute sagen: epilepsiekranken) Kindes. Die Jünger Jesu vermochten den Knaben nicht zu heilen – es wird nicht ganz genau aufgeklärt, warum nicht. Ob sie zu wenig Gottvertrauen und zu wenig Vertrauen in die eigene Kraft zur Heilung hatten – oder ob der Vater gegenüber den Jüngern zu viel Glaubenszweifel hatte – oder ob die Jünger keine Heilung bringen konnten, damit das Handeln Jesu umso eindrucksvoller seine von Gott bezogene Autorität zeigen kann – es bleibt Interpretationsspielraum. Der Vater wird von Jesus nach der Krankengeschichte gefragt – wie lange schon, welche Symptome. Auf die Aussage des Vaters: "…wenn Du etwas vermagst…" antwortet Jesus: "Alles ist möglich dem, der da glaubt." Dann ruft der Vater die Jahreslosung, der Knabe wird von der Epilepsie geheilt; und die Jünger erhalten auf ihre Frage, warum sie selbst erfolglos blieben, die Antwort: Diese Art kann nur durch Gebet ausgetrieben werden. Damit wäre gesagt: Die Jünger hatten nicht oder nicht genug gebetet.

Ich weiß nicht, ob Ihnen das als Erklärung genügt. Mir genügt es nicht. Denn es würde nahelegen: Wo immer wir heute "erfolglos" um Heilung beten, beten wir eben nicht genug, glauben nicht fest genug, haben zu viele Zweifel. Das ist aber keine Haltung, mit der wir in der Diakonie Notsuchenden begegnen dürfen. Es grenzt an religiöse Scharlatanerie, wenn wir Menschen für jede Krankheit Heilung zusagen, wenn sie denn nur genug glauben und beten würden. Vielmehr ist unsere Lebenswirklichkeit eine andere: Nicht jede Not wird abgewendet, nicht jedes Leid verfliegt durch Gebet, nicht jede Epilepsie wird einfach verschwinden, nicht jede Krankheit erweist sich als Berg, den der Glaube zu versetzen vermag. Wir sind auch als glaubende Christenmenschen mit dem Leid dieser Welt verwoben und müssen die Spannung aushalten – zwischen Leid und wunderbarer Bewahrung, zwischen Krankheit und Errettung, zwischen Glauben und Unglauben.

Der Künstler Swen Keyser hat auch dieses Jahr wieder die Jahreslosung ins Bild gesetzt.

Es begegnen sich die himmlische und irdische Sphäre, die hilfesuchende und helfende Hand, die Not, die das göttliche Handeln auslöst. Eigentlich, sagt Swen Keyser, gibt es hier kein Oben und kein Unten, wie uns die Bildersprache über Jahrhunderte gelehrt hat; sondern es gibt eine Kreisform, ein Universum, das rotiert, eine Schöpfung ohne Stillstand. In diese Schöpfung hinein verwoben sind wir, mit unserem Glauben, unseren Zweifeln, unserer Ohnmacht und unserer Kraft zur Nächstenliebe.

Eine gesegnete, friedvolle Adventszeit wünscht Ihnen –
mit herzlichen Grüßen aus Herzogsägmühle

Ihr
Wilfried Knorr
Direktor von Herzogsägmühle