Jahreslosung

Seid barmherzig,
wie auch euer Vater barmherzig ist!

 

Lukas 6,36

Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Herzogsägmühlerinnen und Herzogsägmühler!

Wir bewegen uns im Kern der großen Religionen mit dieser Losung, die über dem Jahr 2021 steht. Sowohl im Christentum, als auch im Judentum und auch im Islam ist die zentrale Eigenschaft Gottes seine Barmherzigkeit. Wir sprechen von einer großen, Menschen und Völker verbindenden Kraft – die sich aus der Barmherzigkeit Gottes zu seiner Schöpfung speist und sich in der tätigen Nächstenliebe, in der Zuwendung zu Menschen in Not beweist.

So weit, so einfach, so klar.

Aber auf den Marktplätzen skandieren Menschen "Absaufen, Absaufen", wenn es um die Frage der Seenotrettung geht. Ein Brand im Flüchtlingslager Moria dürfe kein Ticket nach Deutschland bedeuten, sagt eine Parteichefin.
Auf den Pressekonferenzen sprechen Verantwortliche von den "Covidioten", wenn es um den Streit über den klugen Umgang mit einem Virus geht.
In den Internetforen fliegen die Beleidigungen nur so hin und her, seien es "die Nazis" oder "die links-grün-versifften Chaoten", die "Gutmenschen" oder "die kaltherzigen Kapitalisten". Barmherzigkeit ist nun wirklich die Haltung, die mir am wenigsten einfiele, wenn man mich nach der Debattenkultur in Deutschland fragen würde.

Das "Problem" dabei ist: Die Barmherzigkeit Gottes gilt eben nicht nur den Menschen, die meine Hautfarbe haben, meine Sprache sprechen, meine Meinung unterstützen, meine Religionszugehörigkeit teilen. Die Barmherzigkeit Gottes ist universal – sie umfasst Musliminnen, Juden, Christinnen gleichermaßen. Sie grenzt niemanden aus. Und: Sie gilt sogar auch mir – obwohl ich es nicht immer schaffe, anderen Menschen barmherzig zu begegnen. Ich falle durch meine Begrenztheit, durch meine Unfähigkeit, allen immer barmherzig gegenüber zu sein, nicht grundsätzlich und für immer aus der Barmherzigkeit Gottes heraus. Die großen biblischen Geschichten und Lehr-Gleichnisse Jesu erzählen ja gerade von der Möglichkeit, zurückzukehren in die Sphäre der Barmherzigkeit – so wie der "verlorene Sohn" in die barmherzig geöffneten Arme seines Vaters zurückkommt.

Der Künstler Swen Keyser hat auch dieses Jahr die Losung in ein Bild münden lassen. Es ist auf dem Umschlag dieses Adventsbriefs abgedruckt. Leuchtendes Rot springt mir entgegen, die Farbe der Liebe. Ein plastisch gestaltetes Herz sehe ich, das Symbol der Liebe. Auf den Quadraten sehe ich Symbole der wunderbaren Schöpfung – Pflanzen, ein Baum, den Fisch, die Vögel, die Insekten, der Elefant – und die Menschen, die sich an den Händen halten. Alle Elemente der Schöpfung sind in das Herz gezeichnet. Das Kreuz im Hintergrund trägt die Schöpfung und auch das Herz – und weist mit dem linken waagerechten Balken wie ein Pfeil auf das Gebot der Jahreslosung hin: Seid barmherzig!

Barmherzigkeit kommt mir vor wie der große Gegenentwurf, der uns täglich als erfolgversprechend gepredigt wird: Jeder sei seines Glückes Schmied, wenn jeder an sich denkt, sei an alle gedacht. Es kommt mir vor wie eine Mahnung in diese Welt, nicht zurückzufallen in ein nationalistisches Denken – so als wären Grenzen der beste Schutz gegen die Not in der Welt. Barmherzigkeit ist die Antwort auf die drängendsten Fragen unserer Zeit – wie geht Verteilungsgerechtigkeit, wie geht Fluchtursachen bekämpfen, wie geht Bewahrung der Schöpfung?

Die Kirche hat den uralten sieben Todsünden die sieben Werke der Barmherzigkeit gegenübergestellt, sogar in doppelter Form: die tätigen Werke wie "Hungrige speisen", "Nackte kleiden" oder "Kranke pflegen" wurden erweitert um die geistigen Werke wie "Trauernde trösten", "Zweifelnde beraten" oder "für Lebende und Verstorbene beten". Da fühlen wir uns als Diakoniker gestärkt und unterstützt!
Wunderbarer Weise ist in diese Liste der sieben geistigen Werke der Rat hineingerutscht: "Lästige geduldig ertragen". Das könnte für alle, denen ich lästig falle, ein wirksamer Trost sein im neuen Jahr!

Ihnen Allen wünsche ich von Herzen ein gutes neues Jahr, in dem wir miteinander uns in die Barmherzigkeit neu einüben können!


Ihr
Wilfried Knorr
Geschäftsführer der Diakonie Herzogsägmühle