Pressenotizen

11.06.2019 - Alter: 99  Tage

Lernen aus erster Hand – Betroffene haben das Wort!

Fachtag, an dem Betroffene maßgeblich beteiligt waren

Zu einem besonderen Fachtag lud der Fachbereich "Menschen mit seelischer Erkrankung und Suchterkrankung" nach Herzogsägmühle ein.

Unter dem Motto "Lernen aus erster Hand – Betroffene haben das Wort" stand Erfahrungslernen für Mitarbeitende aus der sozialpsychiatrischen Versorgung im Vordergrund. Rund 170 Teilnehmende aus ganz Bayern folgten der Einladung.

Sämtliche Vorträge und Workshops sowie die Moderation und das Grußwort wurden von Menschen mit Psychiatrieerfahrung oder von Angehörigen gehalten. Dabei wurden am Vormittag Themen wie EX-IN (Experienced Involvement) und Borderline-Trialog genauso vorgetragen wie "Irre, aber trotzdem mündig: Augenhöhe und Eigenverantwortung" oder "Krise oder Chance".

Die mit dem Konzept des Fachtages gewollte Perspektivenänderung ermöglichte für einen großen Kreis der Zuhörenden Zugänge, die man nicht so leicht auf anderen Veranstaltungen finden kann. Das Prinzip Augenhöhe war in fast allen Beiträgen deutlich zu vernehmen – verbunden mit der Forderung an alle Seiten, sich auf Augenhöhe begegnen zu wollen. Dies nicht nur als Forderung an die Seite der professionell Arbeitenden, sondern in gleicher Weise auch an die Psychiatrieerfahrenen und Angehörigen.

Nicht eine Romantisierung der Eigenverantwortung wurde vorgetragen, sondern erwachsene Einsichten, dass nicht immer Selbstbestimmung im Vordergrund stehen kann oder soll (beispielsweise in Krisen), jedoch in allen anderen Situation dies ein Grundprinzip sein sollte.

Schlagsätze wie "Der Schlüssel zum Glück passt nur von Innen." oder reflektierte Schilderungen aus der Wahrnehmung eines Menschen mit Borderline-Persönlichkeit blieben bei den Zuhörenden hängen. Damit war eine gute Grundlage aus unterschiedlichen Sichtweisen für die folgende Podiumsdiskussion geschaffen.

Unter dem Titel: "Psychiatrie-Enquete, Integration, Teilhabe, Inklusion – Utopie oder Wirklichkeit?" wurde nach der Mittagspause auf der Bühne miteinander gesprochen, das bereits Erreichte gewürdigt, jedoch auch die Wegstrecke beleuchtet, die noch vor uns liegt.

Frisch gestärkt mit Kaffee und Kuchen ging es dann zum praktischen Teil mit sieben Workshops über, um das Gehörte auch erlebbar zu machen. In "Sport und Recovery! Äußerlicher Erfolg oder innerer Weg" wurde ordentlich geschwitzt und ganz körperlich Erfahrung gesammelt, in einem Schreibworkshop zum Thema "Schreibend sich und anderen Begegnen" wurden Texte verfasst, um Worten sich Bahn brechen zu lassen, die sonst im Inneren verschüttet liegen. Der Workshop zur EX-IN Methode forderte die Teilnehmenden auf, am Beispiel der eigenen Belastung in der Arbeit zu erleben, wie der Weg vom "Ich- zum Du- und zum Wir-Wissen" beschritten werden kann.

Spontan versammelten sich alle Referent*innen nach Abschluss der Veranstaltung, um den Tag zu reflektieren. Dabei konnte sich keiner der Beteiligten an eine vergleichbare Veranstaltung erinnern. Neben der Frage, wie viele Pausen für wen wichtig sind, war ein Impuls zu vernehmen, unter diesem Motto weiter zu arbeiten. Damit wird dieser Fachtag voraussichtlich in Herzogsägmühle nicht der einzige unter dieser Idee bleiben. "Aus erster Hand…" vielleicht dann aber mit dem Untertitel "…Kommunikation auf Augenhöhe". Und wer weiß, vielleicht wird diese Idee auch an anderen Orten aufgegriffen.